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dieStandard.at im Gespräch mit DJ Electric Indigo über politische
Demonstrationen mit Partycharakter und female:pressure als positives Beispiel
einer weiblichen Netzwerk-Kultur
Am Samstag, dem "Tag der Freien Medien",
findet sich eine breite Allianz aus Initiativen aus dem Sozial- und Kulturbereich,
VeranstalterInnen, DJs und MusikerInnen zu einer lautstarken Demonstration
entlang der Wiener Ringstraße ein. Bei FREE RE PUBLIC 02 drehen
sich die Plattenteller für eine Zukunft jenseits von Zwang, Bevormundung,
Verdummung, für freie Meinungsäußerung und freie Medien.
dieStandard.at traf DJ Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr zum Gespräch
über FÜR und WIDER zu politischen Demonstrationen mit Partycharakter,
die Situation der Frauen innerhalb der elektronischen Musik-Szene und
female:pressure als positives Beispiel einer weiblichen Netzwerk-Kultur.
Warum ist es für female:pressure wichtig bei der
FREE RE PUBLIC-Parade dabei zu sein?
Erstens finde ich Paraden eine schöne Form,
den öffentlichen Raum zu beschallen. Es ist ein ganz spezielles Erlebnis.
FREE RE PUBLIC ist natürlich die sympathischere Variante als z.B.
die Love-Parade, weil eben politische Forderungen dahinterstehen und weil
es im Zentrum von Wien passiert, auf der Ringstraße.
Die verschiedenen Wagen-StellerInnen demonstrieren
ja kollektiv für einige explizit ausgewiesene politische Anliegen
wie z.B: uneingeschränkte Meinungsfreiheit, freier Zugang zu Bildung,
gesellschaftliche Selbstbestimmung oder mehr Rechte für MigrantInnen
und AsylantInnen. Was ist eure politische Hauptbotschaft?
Das muss noch mit DJ Ravissa besprochen werden,
die dieses Mal ja die Organisation des Wagens über hat. Eigentlich
wäre es gut ein oder zwei Sprüche an den Wagen zu hängen,
um klar zu machen worum es geht. Von mir ist es ja ursprünglich so
formuliert worden: "Frauen an den Unruheherd".
Was ist mit dieser Formulierung gemeint?
Das Problem ist, dass wenn man sich auf unsere Regierung
bezieht, oder konkret politisch etwas angeht, kommt man an so Dingen wie
das Kindergeld nicht vorbei. Ich hab kein Problem voll hinter politischen
Forderungen zu stehen. female:pressure ist aber eigentlich keine politische
Organisation sondern ein Tool, eine Datenbank in der sich ganz verschiedene
Frauen finden.
female:pressure steht für eine Förderung und Motivierung von
Frauen im Berufsleben und Sichtbarmachung von Frauen. Ich halte die Frauenpolitik
dieser Regierung für reaktionär und kontraproduktiv was Frauen
im Berufsleben betrifft. Ich kann das aber nicht für female:pressure
im Ganzen sagen, das muss eher sachbezogen gehalten werden, damit sich
alle damit indentifizieren können.
Als damals Volkstanz die samstäglichen musikalischen
Züge den Ring entlang iniziierte, war das ja alles sehr klein und
überschaubar - politische Spaziergänge mit Musik damit das Demonstrieren
lustiger ist und leichter fällt. Bei FREE RE PUBLIC sind mehr als
30 Initiativen und Organisationen beteiligt. Da fällt der Überblick
schwer und mensch bleibt meist dort hängen, wo die Musik am lautesten,
den eigenen Geschmack am meisten trifft. Wäre weniger nicht mehr?
Das glaub ich nicht. Ich hoffe nur, dass es besser
funktioniert als letztes Jahr. Dass die Wagen nicht zu weit auseinander
sind. Natürlich ist ein kleiner geballter Auftritt auch effizienter,
als wenn da ein Wagen und dort ein Wagen und dazwischen ein halber Kilometer
nichts. Wenn ich mich an die Anfänge der Love-Parade erinnere, wo
mir das noch irrsinnig gut gefallen hat, da waren schon sehr viele Wagen
und es war sehr klasse. Man konnte hin und her gehen und überall
mal schauen.
Es gibt sicher eine Obergrenze, aber wo man die ziehen soll weiß
ich auch nicht. Ich find es gut wenn die Parade nicht so klein und schmächtig
daher kommt. Mein Wunschbild ist, dass die Kolonne nicht ganz auseinander
reißt, sondern ein langer Zug wird. Vor allem ganz wichtig, aber
in Wien generell ganz schwierig ist, dass die Leute sich bewegen und ihren
Spaß haben und nicht nur am Rand stehen und zusehen. In Wien sind
die Leute leider eher lahm.
Gibt es keine Konkurrenz und kleine Machtkämpfe zwischen
den einzelnen Gruppen?
Das einzige Mal wo ich so etwas ein bisschen mitbekommen
habe war, als es um die Abschlusskundgebung ging. Da wollte erstmals jeder
seinen eigenen Wagen am Heldenplatz hinstellen und seine eigene Musik
machen - was ein völliger Irrsinn ist. Irgend jemand hatte aber dann
die großartige Idee alles auf drei Soundsysteme zu reduzieren und
sich gegenseitig bezüglich Line-up abzusprechen.
Oder die einen sagen 50% Frauen und 50% Männer bei der Abschlusskundgebung
und irgendwelche Jungs finden das dann zum Kotzen und meckern irrsinnig.
Wie das so ist, man wird sich nicht gleich mit jedem ins Bett legen können.
Muss ja auch nicht sein. Es ist ja nicht so, dass die Szene der elektronischen
Musik viel offener für Frauen ist, weil sie so wahnsinnig modern
und politisch korrekt ist. Das ist eher ein Konglomerat aus verschiedenen
Leuten mit unterschiedlichen Backgrounds, die sich mehr oder weniger über
verschiedene Sachen Gedanken machen und über viele Probleme vielfach
auch noch nicht nachgedacht haben.
Hilft dieses Event "die Linke" untereinander
besser zu vernetzen? Es wird ja immer wieder kritisiert, die politisch
aktiven Gruppen würden zuviel untereinander Streiten, jedEr nur "sein
Ding" durchziehen.
Dafür ist female:pressure/doorbitch.nu/pilot.fm
ja ein gutes Beispiel. (Anm: die drei Initiativen teilen sich am Samstag
einen Wagen) Das ist ja schon einmal eine Subvernetzung. Ansonsten hat
sich das für mich mit Volkstanz und Public Netbase auch schon bewiesen.
Es ist ja auch schon ein kleiner Schritt getan, wenn man auf der FREE
RE PUBLIC -Mailingliste ist und durch die Postings etwas die Leute kennenlernt
und die Initiativen etwas besser einordnen kann. Aber ich glaub nicht,
dass es der vordergründige Ansatz ist die verschiedenen Untergruppen
auf Dauer zusammen zu schweißen. Das scheint trotzdem schwierig.
Manchmal hab ich ja auch den Verdacht dass gerade bei den sogenannten
politisch Korrekten gewisse Vorurteile besonders gut eingeprägt sind.
Wie sieht es mit Vorurteilen und Kritik gegen female:pressure
aus?
Die meisten negativen Kritiken habe ich bis jetzt
leider von Frauen bekommen. Meistens nicht besonders fundiert sondern
aus einer gewissen Animosität feministischen Ansätzen gegenüber.
Wo jedesmal wieder mit dem Einmaleins angefangen werden muss beim Erklären.
So viele Frauen gehen davon aus dass ja eh schon alles super ist und wir
im Paradies leben, was ja auch ein typischer Mechanismus der Verdrängung
ist. Es ist schon müßig, dass jedes halbe Jahrzehnt oder besser
gesagt jeden Tag die gleiche Problematik erklärt werden muss.
female:pressure nimmt zwar nicht eine Opferhaltung ein - sondern eher
das Gegenteil, aber natürlich wird auch darauf hingewiesen, dass
Frauen weniger wahrgenommen werden. Was wieder für manche einen Opfer-Beigeschmack
haben kann. Deswegen lehnen das vor allem Frauen ab, die sich nicht als
Opfer thematisieren lassen wollen. Die interpretieren das leider eben
so und fühlen sich stigmatisiert; wollen eben nicht als Frauen gesehen
werden, sondern als Profis oder Halbprofis, die super Qualität liefern
und klammern dabei aus, dass es auch bei männlichen DJs nie nur um
die Qualität geht. Es spielt so vieles eine Rolle: Man kann ja z.B.
auch die Image-Verwertung und das Styleing nicht ausklammern. Es ist eben
ein Bereich wo Äußerlichkeiten eine Rolle spielen.
Und Frauen sind eben noch immer nicht den Männern gleichgestellt
- vor allem im Beruf, da braucht man sich ja nur die Gehälter ansehen.
Das Wissen darüber scheint aber immer wieder zu verschwinden und
muss scheinbar immer wieder erneuert werden. Auch bekomme ich selbst nach
13 Jahren im Beruf immer wieder mal zu hören "Für eine
Frau legst du eigentlich ganz gut auf". Und das als ernstgemeintes
Kompliment. Auch andere Kolleginnen bekommen das zu hören. Das ist
auf die Dauer schon mühsam.
(Das Gespräch führte Pia Feichtenschlager)
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